Dies Buch hat mich so ergriffen. Immer wieder
kann ich es nicht fassen, was damals geschehen ist. Ich musste beim
Lesen immer wieder längere Pausen machen. Wollte aufhören - konnte
es aber auch nicht. Dies ist zwar ein Roman - aber ähnlich ist
es passiert
Buchbesprechung Frankfurter
Allgemeine Zeitung, 23.06.2007
Die beiden Freundinnen Bekka und Ziska trainieren
das Überleben in Berlin-Neukölln. Sie kundschaften Verstecke aus;
notfalls werden sie aus dem Fenster des dritten Stockwerks in einen
Baum springen. Im Sommer 1938 sind jüdische Kinder auch in
deutschen gutbürgerlichen Stadtvierteln nicht mehr sicher vor prügelnden
Pimpfen und denunzierenden Nachbarn. Sie sind Freiwild. In ihre nahe
Schule dürfen sie schon längst nicht mehr gehen, auch nicht in Grünanlagen,
die für Juden und Hunde verboten sind. Als Bekannte spurlos
verschwinden, als die große Wohnung beschlagnahmt wird, als Ziskas
Vater seine Anwaltskanzlei schließen muss und kurz darauf verhaftet
und zusammengeschlagen wird, ist die Hoffnung, dass die
Ausschreitungen nur vorübergehender Natur sind, verloren, doch nun
ist es zu spät. Der Familie Mangold gelingt es nicht mehr
auszureisen. Nur Ziska erhält kurz vor Kriegsausbruch noch einen
Platz auf einem Schiff, das von Holland aus jüdische Kinder nach
England bringt. Ihre Freundin bleibt zurück.
Liverpool Street ist der Londoner Bahnhof, in dessen Schalterhalle
die Kinder darauf warten, von ihren Pflegeeltern oder Verwandten
abgeholt zu werden. Das Schicksal dieser geretteten Kinder ist schon
oft beschrieben worden. Anne C. Voorhoeve, die mit ihrem Jugendroman
"Lilly unter den Linden" bekannt wurde, stützt sich auf
verschiedene authentische Berichte. Mit Ziska hat sie ein ungewöhnlich
starkes Mädchen erfunden, das auch unter kaum erträglichen
Belastungen nicht zusammenbricht. Die Zwölfjährige leidet nicht
nur unter der Trennung von ihrer Familie und der großen Sorge um
deren Sicherheit, es bedrückt sie auch, dass sie ihrer Freundin,
ohne es zu wollen, die Schiffspassage fortgenommen hat.
Anfangs fällt es ihr sehr schwer, sich in England bei ihren
orthodoxen Pflegeeltern zurechtfinden. Wäre da nicht der Sohn Gary,
der ihr beim Einleben hilft und sie als seine kleine Schwester
akzeptiert, sie käme mit ihrer Doppelexistenz gar nicht zurecht.
Sie lebt tatsächlich zweigleisig: Ziska, so hieß sie in Berlin -
jetzt nennen die Shephards sie Frances. Dass sie sich bei ihren
englischen Pflegeeltern an die komplizierten geheimnisvollen jüdischen
Riten gewöhnen muss, von denen sie als protestantisch Getaufte
keine Ahnung hatte, ist bald kein Problem mehr für sie.
Anne C. Voorhoeve beschreibt die jüdische Gemeinde in der Londoner
Diaspora mit deutlich missionarischen Untertönen. Sie hat auch im
Anhang ein kleines Wörterbuch mit den wichtigsten religiösen
Begriffen untergebracht. Die Shephards sind in dieser idealen
Gemeinschaft fest verankert, sie übernehmen, je länger der Krieg
dauert, immer mehr soziale Dienste und beziehen Frances mit ein.
Doch bald wird das Mädchen wegen der Bombenangriffe auf London mit
ihrer Klasse aufs Land verschickt. Zum ersten Mal erlebt Frances in
England offene Feindseligkeit, sie wird als Nazi beschimpft und möchte
nichts mehr, als nach London zurückzukehren zu den Menschen, die
sie liebt. Sicherheit gibt es in diesen Zeiten sowieso nicht, erklärt
sie den Pflegeeltern. Als im Sommer 1942 die Nachricht eintrifft,
dass der Sohn Gary vor den Azoren mit der HMS Princess of Malta
untergegangen ist, schließt sich Frances noch inniger an die
Shephards an. Sie wird ihre Tochter und überschreitet sogar, ohne
zu zögern, die Glaubensschwelle.
Bomben und Minen auf London, die historischen Städte Coventry,
Canterbury und Exeter in Trümmern, Lebensmittelknappheit und die
Angst vor neuen Luftangriffen - Frances hat kaum Zeit, daran zu
denken, was jenseits des Kanals geschieht. Vom Tod ihres Vaters hat
sie noch erfahren, doch ob ihre Mutter im holländischen Versteck
unentdeckt blieb, weiß sie nicht. Erste Gerüchte über Massenmorde
und Vernichtungslager erfährt sie durch den Freund vom
Kindertransport, Walter Glücklich, der jetzt bei Tunis gegen
Rommels Afrikakorps kämpft. Churchills Stimme im Radio: "Unser
Krieg gegen eine ungeheuerliche Tyrannei", es ist auch ihr
Krieg. Das Ende ersehnen alle.
Die fast fünfhundert Seiten dieses Jugendbuchs sind reichlich
beladen mit Fakten aus dieser Schreckenszeit. Doch da Anne C.
Voorhoeve ihre temperamentvolle Frances erzählen lässt, gibt es
dazwischen viele lebendige Dialoge, auch humorvolle oder
abenteuerliche Szenen. Die Spannung lässt über weite Strecken kaum
nach. Es ist auch immer wieder die Spontaneität des jungen Mädchens,
das sich zum ersten Mal verliebt oder als Deutsche in Gewissensnöte
gerät, die von den Katastrophen der Weltgeschichte ablenkt.
Als die Friedensglocken läuten, hat sich für Ziska oder Frances
viel verändert. Sie ist fast erwachsen geworden, bekennt sich jetzt
zum Judentum und zu den Shephards. Auch nach dem Wiedersehen mit der
Mutter, die im Lager überlebt hat, wird sie in England bleiben. Sie
wird Walter Glücklich heiraten, der sie versteht, weil er wie sie
geliebte Menschen verlor, aus Lebenszusammenhängen herausgerissen
wurde und hier neue gefunden hat.
Der Roman "Liverpool Street" beruht auf historischen
Ereignissen, versichert die Autorin. Aber sie hat sie
zusammengetragen und zu einem dramatischen Epos verdichtet, das
niemanden unberührt lässt.
MARIA FRISÉ